weiblich und männlich

Weibliches Prinzip und männliches Prinzip

Liebe

Nina Deißler

Kommentar Liebe

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Weiblich und Männlich – das sind nicht nur Begriffe für Geschlechtsmerkmale, sondern auch für „Energien“, Konzepte oder Prinzipien und Eigenschaften.

Gerade komme ich zurück von meinem Frauen-Retreat zum Thema Weiblichkeit, das ich im wunderschönen Seminarhaus Schlagsülsdorf gegeben habe. Ich bin noch voller Eindrücke und vor allem auch Dankbarkeit und weiterer eigener Erkenntnisse zum Thema Weiblichkeit und Frau-sein.

In der heutigen Zeit, wo es immer mehr um „Gleichheit“ und Achtsamkeit geht, fragte ich mich selbst auch zeitweilig, ob es denn überhaupt zeitgemäß sei, ein „Weiblichkeitsseminar“ anzubieten. Und nun – im Nachhinein – bin ich so froh, es zu tun:

Wir leben in einer bunten Welt

Die Welt hat immer alles – doch wir Menschen mögen es, wenn wir uns orientieren können. Und so haben wir die Angewohnheit, immer zwei Pole zu sehen, die uns helfen, uns zu orientieren:

Alles hat zwei Seiten, die das jeweilige Ende einer für uns messbaren Skala markieren:

  • gut und schlecht
  • schwarz und weiß
  • falsch und richtig
  • Tag und Nacht
  • aufregend und langweilig
  • sauber und schmutzig
  • einfach und kompliziert

Die Einteilung – das „in Schubladen stecken“ – ist eine urmenschliche Eigenschaft, die uns eine gewisse Sicherheit verspricht. Auch wenn diese Sicherheit nur scheinbar ist und  wir durch die Subjektivität der Bestimmung immer wieder in Konflikt kommen… „Schubladen“ haben wir alle. Bewertungen helfen uns dabei, Orientierung zu finden.

So wurde mir an diesem Wochenende wieder klar, dass weiblich und männlich eben auch „nur Konzepte“ sind, die uns bei dieser Orientierung helfen können.

Und es gibt Menschen, die diese Konzepte ablehnen und auch welche, die nicht in diese Konzepte passen. Das ist doch auch vollkommen in Ordnung.

Weiblich und Männlich heisst für mich nicht, dass alle Frauen immer nur im weiblichen Prinzip unterwegs sein sollten oder sogar müssten. Genau so, wie Männer selbstverständlich auch nicht beständig nur im männlichen Prinzip. Weiblich und Männlich sind Zusammenfassungen von Tendenzen und Eigenschaften zu einem Konzept – und diese Konzepte helfen lediglich dabei, etwas auszudrücken, ohne alle Bestandteile des Konzeptes regelmäßig auf’s Neue aufzählen zu müssen.

Die Konzepte von Weiblich und Männlich aufzulösen ist daher für mich nicht hilfreich, denn zum Einen fehlt uns dann in unserer bipolaren Weltanschauung die Orientierung und zum Anderen verdrängen wir damit viele unserer Schätze in die Schatten:

Es war so deutlich, dass viele Teilnehmerinnen Eigenschaften lebten, die man dem männlichen Prinzip zuordnen kann und dass sie damit ihre eigenen vorhandenen Stärken des weiblichen Prinzips komplett ignorierten.

Gleichberechtigung und weibliche Emanzipation kann doch nicht daraus bestehen, dass wir das weibliche Prinzip – die polaren Eigenschaften, die man dem weiblichen zuordnen kann, einfach „abschalten“, verleugnen, verdrängen, vergessen und verunglimpfen – als wären sie schlecht oder „unzeitgemäß“.

Um gleichberechtigt und emanzipiert zu sein – bzw. so zu wirken – haben viele meiner Teilnehmerinnen weibliche Eigenschaften und Stärken verdrängt und abgelegt. Und dennoch sehnten sie sich so sehr nach Gefühlen und Situationen, für die es genau diese Eigenschaften braucht!

Polaritäten von Weiblich und Männlich

Als ich zum ersten Mal von den den Polaritäten und den weiblichen Prinzipien gehört habe, waren einige davon für mich ebenso verwirrend und zum Teil sogar verstörend. Ich fand einiges davon nutzlos, wertlos und war versucht sie abzulehnen. Eine kleine Auswahl aus den „typischen“ Kriterien für „männliches Prinzip“ und „weibliches Prinzip“:

Männlich      /       Weiblich

Verstand  –     Intuition

Kopf       –      Herz

Fokus      –      kein Fokus

Aktiv       –       Passiv

Kontrolle   –    Hingabe

Machen    –     Empfangen

Und ich dachte mir zum Beispiel: „Was zum Teufel soll denn bitte an „Passivität“ positiv sein?“

Und dann lernte ich…

Heute bin ich froh, dass ich diese Prinzipien und ihre Wirkung kenne – und auch wie viel Kraft tatsächlich hinter den weiblichen Prinzipien steckt. Eine Kraft, die eben nicht „fokussiert“ in eine bestimmte Richtung und auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, sondern ein Kraft, die sich ausdehnt und allumfassend ist.

Was wäre, wenn wir alle nur fokussiert wären? Wer würde „das große Ganze“ sehen? Wenn wir alle nur machen würden – für wen dann, wenn niemand da ist, der es empfängt?

Die „Energie“ des männlichen Prinzips ist der Impuls – quasi die Idee – das weiblichen Prinzips ist erschaffend – und bringt die Idee in die Manifestation.

Männliches Prinzip bedeutet zielgerichtet zu sein, nach vorne – und nach oben – wie der Phallus. Die weibliche Energie dagegen ist diffus, in die Tiefe und in die Breite strömend, emotional und ohne Form aber eben bewegend und tief.

Männliche Energie ist gebündelt, dynamisch, leistungs- und wettbewerbsorientiert und auch kämpferisch und zerstörend. Die ersten Eigenschaften kennen viele Frauen heute, wir müssen diese Dinge können – denn genau so funktionier fast überall unsere Gesellschaft und das Berufsleben… doch wir lehnen auch einiges davon ab: Die Kraft der Zerstörung beispielsweise hat keinen besonders guten Ruf – dabei ist Zerstörung wichtig, denn wir müssen altes auch zerstören, damit neues entstehen kann.

Die Weibliche Energie im Gegensatz dazu ist aufnehmend, Leben gebärend, umwandelnd und schöpferisch – durch die schöpferische Kraft, die aus dem weiblichen Prinzip stammt, wird aus dem männlichen Impuls etwas kreatives.

Und noch etwas wichtiges habe ich gelernt: Die weibliche Energie ist überfließende Liebe und dient sich selbst, während die männliche Energie die weibliche schützt und hält: Sie gibt ihr einen Raum, einen Rahmen, eine Sicherheit und Struktur, in der sie sich an sich selbst hingeben und entfalten kann.

Diese Sichtweise hat mir viel gegeben, und die Art, wie ich Beziehungen führe, drastisch verändert. Zum Guten.

 

Weiblich und Männlich sind keine Schimpfworte

Denn so kommt es auch mir manchmal schon fast vor: Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich – auch in meinen Büchern – vom „typisch“ Weiblich und Männlich spreche oder schreibe.

Doch Weiblich und Männlich sind keine Schimpfworte – es sind keine „Begrenzungen“ – es sind nur Worte, die etwas zusammen fassen und beschreiben. Weiblich und Männlich sind sehr wohl „Schubladen“, aber das Schöne ist:

Alle Menschen haben alle Facetten in sich und die dürfen sie leben.

Es wäre traurig, wenn wir das, was wir dem Weiblichen zuordnen können vergessen, weil es „rollentypisch“ oder klischeehaft wäre…. vor allem, wenn die Alternative dann wäre, nur das zu leben, was wir dem „Männlichen“ zuordnen und dabei all die Schätze vergisst und begräbt, die im Weiblichen liegen…

Niemand wurde von mir „umgedreht“ – denn nichts ist „falsch“… es geht mir darum, die Eigenschaften des weiblichen Prinzips anzuerkennen, zu entdecken und auch zu sehen, dass diese keine „Schwäche“ darstellen, sondern ganz im Gegenteil Kraft geben, sinnvoll, hilfreich und berührend sind…. und wie großartig es ist, wenn wir beides anerkennen, nutzen, leben und vor allem: Feiern!

Wenn wir erkennen dürfen,

  • dass Passivität nicht „falsch“ oder gar „schlecht“ ist, sondern hilfreich und ermächtigend – an der richtigen Stelle.
  • welches unglaubliche Geschenk in Wahrheit im Annehmen liegt.
  • oder auch dass Hingabe etwas ganz anderes ist, als „geschehen lassen“….

Und dass es letztlich der Unterschied zwischen uns ist, der uns interessant und anziehend füreinander macht. Dass in der Bipolarität die Möglichkeit des „Einander-ergänzens“ liegt – nicht im Ausgleich oder im „Stopfen von Löchern“ in der Persönlichkeit des anderen, sondern im Spiel der Polaritäten…

 

Genau so geht es mir mit dem Männlichen Prinzip und der Männlichkeit

Ich kenne so viele Männer, die mit ihrer Männlichkeit und dem Mann-sein an sich hadern, weil sie beispielsweise die Energie der Aktivität, der Kontrolle oder des Strebens ablehnen, weil sie sie z.B. in ihrer Kindheit an anderen Männern unausgeglichen und übertrieben als Aggressivität, Dominanz und auf missbrauchende Art erlebt haben.

Sie lehnen Männlichkeit daher ab – doch bleibt ihnen dann nur das Vorbild der Mutter – und damit häufig ein schwaches, weibliches Prinzip oder irgendetwas dazwischen, das häufig von eigener Unsicherheit oder sogar Auto-Agression, passiv-agressivem Verhalten oder Depression begleitet wird.

Wir haben unsere Eltern als Lebensvorbilder und es ist Arbeit, diese Vorbild-Funktionen infrage zu stellen und ein eigenes Modell zu entwickeln. Vor allem, wenn es uns noch nicht mal bewusst ist.

Deshalb bin ich sehr froh, um Männer wie z.b. die Coaches von Männersache Coaching, die Männern regelmäßig kostenlose Gesprächsrunden anbieten, um dem eigenen Mann-sein etwas positives abgewinnen zu können und Orientierung zu bieten.

 

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs

Es ist gut und wichtig, dass wir unsere Rollenbilder aus dem letzten Jahrtausend infrage stellen – doch wir dürfen immer wieder bemerken, dass sie immer noch in unserem Unterbewusstsein verankert sind und dass sie beispielsweise unsere Partnerwahl, unser „Beuteschema“, unseren Geschmack und damit auch unsere unbewussten Verhaltensmuster oft stärker beeinflussen, als uns lieb ist.

Meine Idee dazu ist, sich mit beiden Prinzipien auseinander zu setzen und sich zu fragen, wo den das Geschenk für sich selbst liegt, was wir ablehnen und warum…

Manchmal stellt sich heraus, dass das, was wir am meisten verabscheuen, in einer geringen Dosis genau das ist, was uns zum eigenen Glück fehlt!

Was meinst Du?

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